Jul 24, 2016

# europa und isis # islam und terror

Nach Nizza wir dürfen dem IS nicht das geben, was er fordert

von Murtaza Hussein, The Intercept, 5. Juli 2016, deutsche Übersetzung von Milena Rampoldi, ProMosaik. 
Man weiß nicht gerade viel über Mohamed Lahouaiej Bouhlel, den 31jährigen Mann, den die französische Polizei für das fürchterliche Verbrechen des Massenmordes letzte Nacht in der Südstadt von Nizza verantwortlich macht. Als Folge der Tötungen hat der französische Präsident Francois Hollande den Angriff als „Islamistischen Terrorismus“ denunziert, der mit der militanten Gruppe des Islamischen Staates in Verbindung steht. Die Unterstützer des IS haben diese Erklärungen im Netz fieberhaft wiederholt und sich zum Angriff bekannt, den sie als einen anderen Angriff gegen ihre Feinde in Westeuropa priesen.


Während der Beweggrund des Angriffs immer noch ermittelt wird, lohnt es sich, zu erörtern, warum der Islamische Staat so heiß darauf ist, solche Vorfälle auf sich zu nehmen. An der Oberfläche erscheint das Rasen eines LKWs in eine Menschenmenge, die sich versammelt hat, um die Feuerwerke des Bastille-Tages zu sehen, wie eine Tat des puren Nihilismus. Kein militärisches Ziel wurde getroffen. Den ersten Berichten zufolge könnten die Tötungen zu französischen Angriffen gegen die vom IS bereits schrumpfenden Territorien in Irak und Syrien führen. Und die französischen Muslime – viele Opfer des Anschlags sind den Berichten zufolge Muslime – werden wahrscheinlich mit Sicherheitsrazzien und  den Gegenreaktionen der Bevölkerung zu kämpfen haben, die infolge eines unverständlichen Aktes des Massenmordes in Angst und Schrecken versetzt wurde.
Aber die Erklärungen des Islamischen Staates und die Geschichte zeigen, dass dieses Ergebnis genau das ist, was der IS anstrebt. In der Ausgabe vom Februar 2015 ihrer Online-Zeitschrift Dabiq  rief die Gruppe zu Gewaltverbrechen im Westen auf, die die „Grauzone [aus der Welt schaffen würden]“, indem sie Spaltung säen und einen unlösbaren Konflikt zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen in den westlichen Gesellschaften erzeugen. Ein solcher Konflikt würde die Muslime, die im Westen leben, „entweder dazu zwingen, sich von ihrer Religion loszusagen … oder in den Islamischen Staat [auszuwandern] und vor der Verfolgung der Regierungen und Bürger der Kreuzritter zu fliehen.”
Diese Strategie der Gewaltanwendung zwecks Spaltung der Gesellschaft imitiert die Taktiken der Gruppe im Irak, wo sie provokative Angriffe gegen die schiitische Bevölkerung plante, um bewusst einen konfessionsgebundenen Konflikt auszulösen, der bis heute wütet.
Es kann sein, dass der Islamische Staat keine direkte Verbindung zu Bouhlel hatte. Im Unterscheid zu vielen vorherigen Angreifern war er nicht im Visier der französischen Sicherheitskräfte. Es gibt keine Hinweise, dass er beim IS trainiert wurde oder ins IS-Gebiet reiste. Die ersten Berichte der Menschen, die ihn kannten, malen ein Bild eines deprimierten und wütenden Mannes, der „den großen Teil seiner Zeit damit verbrachte, in einer Bar unten an der Straße zu sitzen, wo er pokerte und trank“. Er ist ein Kleinkrimineller und wurde schon einmal im Mai 2016 wegen eines Unfalls mit aggressiver Fahrweise verhaftet.
Aber irgendwie sind diese Details von keinerlei Bedeutung. Das IS-Terrorismusmodell basiert auf der Umwandlung solcher Menschen wie Bouhlel zur Waffe; die Gruppe ruft Junge, Wütende und Planlose weltweit dazu auf, in ihrem Namen auf die Anderen in ihrer Umgebung loszugehen. Auf diese Weise wird die Macht der verzweifelten Rebellen durch eine Kombination von sozialen Medien und Propaganda der Tat verherrlicht. Ein einflussreicher, von der Gruppe verwendeter Text mit dem Titel The Management of Savagery beschreibt die terroristischen Angriffe als „aufhetzende Opposition“ zwecks Involvierung normaler Menschen in den Konflikt, damit jeder „ob er nun will oder nicht Farbe bekennen und wissen muss, auf welcher Seite er steht.“
Die tödlichen Angriffe im Westen, in Paris, Brüssel, Orlando, usw., lassen aber das Ziel des Islamischen Staates, eine gespaltene Welt hervorzubringen, der Wirklichkeit näher kommen.
Rechtsradikale, minderheitsfeindliche Parteien werden in Europa immer beliebter, während Umfragen in den USA zeigen, dass der Großteil der Öffentlichkeit vorher undenkbare Maßnahmen wie das Einreiseverbot für muslimische Ausländer in Betracht zieht. Wie ein Hurrikan in Zeitlupe schadet jedes einzelne Gewaltverbrechen immer mehr der Möglichkeit einer toleranten, liberalen Gesellschaft. Nach dem gestrigen Angriff in Nizza, tat der ehemalige republikanische Sprecher Newt Gingrich noch eins drauf, indem er „in den USA einen Test für jede Person muslimischer Herkunft forderte“. Er fügte hinzu: „Wenn sie an die Scharia glauben, sollen sie ausgewiesen werden“. Das war wohl eine eher ironische Behauptung für Gingrich, der in den letzten Jahren Unterstützung bot, damit die muslimischen Mitarbeiter in Capitol Hill beten durften und sogar an Planungstreffen für das Islamic Free Market Institute, einer Gruppe von Befürwortern für den freien Markt, der Scharia-Finanzprodukte anbietet, teilnahm.
Der selbstverständlich nicht umsetzbare Wutausbruch Gingrichs spiegelt auf jeden Fall die Verhärtung der öffentlichen Meinung wieder. Mit der Zeit und Zunahme der Angriffe durch Einzeltäter und anderer im Namen des IS, ist es auch nicht auszuschließen, dass Vorschläge wie dieser Fuß fassen werden.
Aber sei es von einer strategischen als auch moralischen Perspektive aus gesehen ist das Schlimmste, was man infolge des Horrors der Vorfälle wie dem von Nizza tun kann, dem IS genau das zu geben, was er will: und zwar Polarisierung und Hass zwischen den Gemeinschaften. Vorschläge zwecks ethnischer Säuberung oder „Krieg der Zivilisationen“ erfüllen vielleicht den Wunsch, sich zäh zu zeigen, aber in Wirklichkeit unterstützen sie nur das Narrativ der Gruppe bezüglich einer Welt, die unwiderruflich den religiösen Linien entlang gespalten ist.
Westeuropa ist in der Vergangenheit größeren Wellen des Terrorismus gegenübergetreten, ohne auf die Strategie der Terroristen einzugehen oder seine inneren Werte zu opfern. Die Krise des Islamischen Staates fordert eine ähnliche Stufe der Standhaftigkeit. Aber nur wenn wir die gestellte Falle erkannt haben, können wir auch vermeiden, selbst viel schlimmer zu scheitern als eine verzweifelte, fanatische Rebellengruppe hofft, selbst jemals zu erreichen.


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