May 13, 2016

# antisemitismus # antizionismus und menschenrechte

Prof. Kempf im Gespräch mit ProMosaik über die verschiedenen Formen der Israelkritik

von Milena Rampoldi, ProMosaik. Nach der Veröffentlichung der Rezension über das 2015 erschienene Buch der Projektgruppe Friedensforschung der Universität Konstanz unter der Leitung des Psychologen Prof. Wilhelm Kempf mit dem Titel "Israelkritik zwischen Antisemitismus und Menschenrechtsidee. Eine Spurensuche" möchte ich Ihnen auch das Interview mit Prof. Kempf vorstellen, dem ich nochmal für seine Zeit danken möchte. 
Ich habe ihn über die Hauptzielsetzung des Buches und die Formen der Israelkritik befragt. Gerade für Deutschland ist es grundlegend wichtig, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und die Meinungsbildung zu fördern. Was mich optimistisch stimmt ist die folgende Schlussfolgerung des Surveys: "Jedoch kritisieren immerhin vier von zehn Deutschen die israelische Politik deshalb, weil sie für die Menschenrechte eintreten, Antisemitismus und Islamophobie gleichermaßen ablehnen und eine Politik verurteilen, die nicht nur den Palästinensern Unrecht antut, sondern auch Israel von innen heraus zu zerstören droht." Israelkritik bedeutet für mich Kampf für die Menschenrechte der Palästinenser, Kampf gegen Antisemitismus und Islamfeindlichkeit und Betonung des antizionistischen Judentums. Je mehr Informationen, desto mehr werden Menschen auch verstehen, dass Menschenrechte nicht teilbar sind. Sie gelten für alle.     


Milena Rampoldi: Welche sind die Hauptzielsetzungen Ihres Buches?
Wilhelm Kempf: Die Hauptzielsetzung des Buches bzw. der empirischen Studie, auf der das Buch beruht, war es dem eindimensionalen Weltbild entgegenzuwirken, das sich als Grund für Israelkritik nichts anderes vorstellen kann als eben Antisemitismus.
Diese, von einer kleinen aber umso lauteren Gruppe von pro-israelischen Hardlinern verbreitete Ideologie ist geeignet, die israelischen Juden in Angst und Schrecken zu versetzen, immer und überall nur von Antisemiten umgeben zu sein, die ihnen nach dem Leben trachten, und behindert dadurch die Fähigkeit der israelischen Gesellschaft, sich auf eine Friedenslösung mit den Palästinensern einzulassen.
Insofern sind die Zielgruppe des Buches nicht nur die jüdischen oder nicht-jüdischen Deutschen sondern auch die israelischen Juden, denen ich zu einer differenzierten Einschätzung der Situation verhelfen will. Deshalb bemühe ich mich derzeit auch darum, das Buch ins Hebräische übersetzen zu lassen und dafür in Israel einen Verlag zu finden.
MR: Was bedeutet für Sie persönlich Israelkritik?
WK: Israelkritik bedeutet für mich nicht einfach israelfeindliche Vorurteile, sondern eine kritische Positionierung zur israelischen Palästinapolitik, die verschiedene Formen und Ausprägungen haben kann und ein Spektrum umspannt, das von bedingungsloser Unterstützung der palästinensischen Sache, bis zu einer Kritik reicht, die auf einen Ausgleich zwischen den beiden Gesellschaften bedacht ist, und ihrerseits wiederum aus einer neutralen Haltung oder aus Solidarität mit der einen oder anderen Seite resultieren kann, deren Lebensbedürfnisse man bei Fortsetzung des Status Quo als besonders beeinträchtigt sieht.
Auch die israelische Gesellschaft leidet ja unter dem nicht gelösten Konflikt und – wie der israelische Schriftsteller Etgar Keret gesagt hat – „Wenn wir die Situation belassen, wie sie ist ohne den Menschen, die unter unserer Besatzung leben, eine Lösung anzubieten, wird das letztlich unser Land zugrunde richten“.
MR: Warum ist es wichtig, Antizionismus und Antisemitismus unbedingt voneinander abzugrenzen?
WK: Dafür gibt es verschiedene Gründe:
Erstens, weil Antisemitismus die Feindschaft gegen Juden als Juden meint. Das heißt, dass der entscheidende Grund für die Ablehnung eines Menschen oder einer Gruppe, gegen die sich die Feindschaft richtet, ihre tatsächliche oder vermeintliche jüdische Herkunft ist. Der Antizionismus ist im Unterschied dazu gegen eine bestimmte Ideologie bzw. politische Praxis gerichtet.
Zweitens können Antisemitismus und Antizionismus zwar miteinander Hand in Hand gehen. Wie unsere empirischen Befunde gezeigt haben, gibt es aber auch eine große Gruppe von Menschen, die zwar antizionistisch eingestellt sind, jede Art von antisemitischen Vorurteilen jedoch strikt zurückweisen.
Drittens darf man dabei aber nicht vergessen, dass auch der Antizionismus auf ziemlich pauschalen Vorurteilen beruht. Auch innerhalb des Zionismus hat es verschiedene Strömungen gegeben, die sich z.T. erbittert bekämpft haben. Unglücklicherweise dominieren seit einigen Jahren die extrem rechten Strömungen. Deshalb darf man auch Israelkritik nicht mit Antizionismus in einen Topf werfen.
MR: Wie kann eine gesunde Israelkritik heute zum Frieden mit Palästina beitragen und gleichzeitig auch den Antisemitismus bekämpfen?
WK: Das kann sie, indem sie auf pauschale Vorurteile verzichtet und sich stattdessen auf ein fundiertes Wissen über den israelisch-palästinensischen Konflikt stützt; indem sie die Lebensbedürfnisse beider Gesellschaften im Auge behält und die israelische Politik nicht pauschal mit „den Israelis“ oder „den Juden“ schlechthin gleichsetzt, sondern sich zum Sprachrohr der israelischen Friedensbewegung und jener (nicht nur) israelischen Juden macht, die nach einem Ende der Besatzung verlangen.
MR: Für mich bedeutet Israelkritik vor allem Antikolonialismus und Kritik an der Besatzung. Wie sehen Sie das?
WK: Antikolonialismus vielleicht – oder wahrscheinlich – dazu kann ich nicht viel sagen, aber Kritik an der Besatzung auf jeden Fall. Jedoch nicht nur.
Die seit fast einem halben Jahrhundert andauernde Besatzung ist natürlich das Kernproblem, aber die hat ja Auswirkungen auch auf andere Lebensbereiche. Auch die israelischen Palästinenser sind ja letztlich nur Bürger zweiter Klasse und Araberhass ist unter jüdischen Israelis nicht weniger verbreitet als Judenhass unter den Palästinensern.
MR: Welche Nuancen nimmt die Israelkritik laut dem Survey an?
WK: Nun, was die Ergebnisse unseres Surveys gezeigt haben ist, dass sich auch 70 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland noch immer kein flächendeckender Konsens über die Unteilbarkeit der Menschenrechte durchgesetzt hat. Antisemitismus, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit sind besorgniserregend weit verbreitet.
Ein Viertel der Deutschen sind antisemitische Israelkritiker, bei denen juden- und islamfeindliche Einstellungen miteinander Hand in Hand gehen, und deren (scheinbare) Parteinahme für die Palästinenser ihnen letztlich nur als Mittel dient, „das wahre Gesicht der Juden“ zu entlarven.
Gut ein Zehntel vermeidet es, Kritik an der israelischen Politik zu üben, „weil man ja nicht sagen darf, was man über die Juden wirklich denkt“, und selbst jenes Viertel der Deutschen, das der Politik Israels wohlwollend gegenübersteht, tut dies oft nur, um selbst vor der Welt gut dazustehen.
Jedoch kritisieren immerhin vier von zehn Deutschen die israelische Politik deshalb, weil sie für die Menschenrechte eintreten, Antisemitismus und Islamophobie gleichermaßen ablehnen und eine Politik verurteilen, die nicht nur den Palästinensern Unrecht antut, sondern auch Israel von innen heraus zu zerstören droht.

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