Feb 5, 2016

# Deutsch # Frauen im Islam

Sedigheh Vasmaghi: Der Islam ist für die Frauenrechte, die muslimische Rechtsprechung nicht




Von Milena Rampoldi, ProMosaik e.V. Ein wichtiges Interview mit Sedigheh Vasmaghi über die Frauen im Islam.  

Dr. Sedigheh Vasmaghi ist eine Rechtswissenschaftlerin, Poetin und Autorin aus dem Iran. Sie ist als Mitglied der iranischenReformbewegung bekannt und musste aufgrund von Drohungen und Verfolgung das Land verlassen.
Sedigheh Vasmaghi promovierte an der Universität Teheran und ist eine der wenigen Frauen, die im Iran islamisches Recht unterrichtet haben. Sie ist auch eine bekannte Dichterin. 1989 veröffentlichte sie ihre erste Sammlung von Gedichten mit dem Titel Beten für den Regen. Seitdem hat sie fünf Gedichtbände und verschiedene akademische Arbeiten veröffentlicht. Sie hat auch klassische arabische Poesie ins Persische übersetzt.
Die Schriften und politischen Anschauungen von Sedigheh Vasmaghi brachten ihn vermehrt Zensur, Einschüchterung und Drohungen ein. Nach den Präsidentschaftswahlen von 2009 im Iran nahm sie an der Protestbewegung teil, indem sie Briefe, Gedichte und Artikel veröffentlichte. Schließlich musste sie das Land verlassen. 2012 kam Dr. Vasmaghi nach Uppsala.
Wir haben Frau Vasmaghi über den Unterschied zwischen dem wahren Islam, der die Frauenrechte unterstützt, und der Auslegung vieler befragt, die den Islam nutzen, um Frauen zu unterdrücken. Die muslimischen Gesellschaften rechtfertigen die Unterdrückung der Frau im Namen des Islam und liegen falsch. Dies zu erklären ist eine der wichtigsten Herausforderungen des islamischen Feminismus in unserem Zeitalter. Wir brauchen dringende Reformen im Namen des Islam, der sich der Diskriminierung der Frau stark widersetzte. Ich möchte mich herzlichst bei Sedigheh für ihre Zeit bedanken.
Milena Rampoldi: Wie schwierig war es für Sie als Frau, islamisches Recht zu unterrichten? Welche sind die wichtigsten Vorurteile gegenüber Frauen in den muslimischen Gesellschaften?
Sedigheh Vasmaghi: Ich war die erste Frau, die im Iran im Fach islamisches Recht promovierte. Nach meiner Promotion unterrichtete ich an der theologischen Fakultät in Teheran als einzige Frau in der Abteilung für islamisches Recht. Ich war qualifiziert, um Spezialisierungskurse zu halten, aber es war nicht einfach, diese zu bekommen. Denn es herrschte eine falsche Tradition an der theologischen Fakultät vor, die davon ausging, dass wir Frauen nur zugelassen wären, um allgemeine Kurse für Mädchen zu halten. Wir durften auch nicht Jungs unterrichten. Aber die männlichen Lehrer durften beide, Mädchen und Jungs, unterrichten, und dies sei es in den allgemeinen als auch in den Spezialisierungskursen. 

Auf der Grundlage dieser falschen und ungerechten „Tradition“ wurde einer weiblichen Lehrkraft verwehrt, Spezialisierungskurse zu halten und auf hohem Niveau zu unterrichten. Das ist wohl die schlimmste Diskriminierung gegen Frauen im akademischen Bereich. Ich konnte und wollte dies nicht tolerieren. Somit musste ich mich dem widersetzen. Meine männlichen Kollegen stimmten dem zu, aber sie wollten sich am Kampf gegen eine ungerechte Tradition nicht beteiligen, da das Problem sie ja nicht direkt betraf. Auch die wenigen weiblichen Lehrkräfte in anderen Abteilungen lehnten es ab, mich in meinem Kampf zu unterstützen. Vielleicht dachten sie ja, dass dieser Versuch zu keinem Ergebnis führen würde, oder sie wollten keinen möglichen Preis dafür bezahlen. Das machte nichts. Zu Beginn war ich eine Einzelkämpferin, aber überzeugte Studenten unterstützten mich. Diese Unterstützung war sehr hilfreich, im Besonderen die Unterstützung von Seiten der männlichen Studenten. Ich erhielt die Möglichkeit, Spezialisierungskurse für Mädchen und Jungs zu halten. Aber ohne die Unterstützung meiner Studenten hätte ich nichts erreichen können. Obwohl ich unterrichten konnte, wie ich wollte, konnte ich diese ungerechte und diskriminierende Tradition nicht überwinden, denn dies erfordert eine riesige Bemühung von vielen Seiten, d.h. nicht nur auf Initiative der Frauen, sondern auch der Männer. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich in den Vorlesungsraum kam und überraschend den Leiter der Fakultät, einen Geistlichen, an meiner Stelle unterrichten sah. Er setzte alles daran, um mich nicht jenen hochspezialisierten Kurs unterrichten zu lassen, aber dank des Kampfes mit der Unterstützung der Studenten und einiger Medien unterlag er am Ende.
Leider werden viele Vorurteile und Diskriminierungen gegenüber Frauen in der muslimischen Gesellschaft mit dem Islam gerechtfertigt, indem alles auf unsere Religion zurückgeführt wird. Dies war für die Männer der einfachste Weg, um ihren Willen durchzusetzen, indem sie die Religion manipulierten. Wenn Anschauungen auf den Islam projiziert werden, auch wenn sie falsch sind, ist es schwierig, sich dem zu widersetzen. Auf der anderen Seite ist es einfach gewesen, die muslimischen Frauen zu überzeugen, diese falschen Anschauungen hinzunehmen. Es gibt zahlreiche Diskriminierungen und Vorurteile, die in den muslimischen Gesellschaften legalisiert werden. Eine der schlimmsten unter ihnen ist die Verhängung der Todesstrafe gegen Frauen im Namen des Islam, der sogenannte Ehrenmord. In einigen muslimischen Gemeinden gilt die Tötung einer verdächtigten Frau nicht nur als legal, sondern in kultureller Hinsicht sogar als bewundernswert. Aber es handelt sich um ein schweres Verbrechen gegen Frauen. 

Der Koran, der die Hauptquelle des Islam ist, weist den Ehrenmord ganz klar zurück. Auch die islamische Tradition weist ihn zurück, aber dieses ignorante Vorurteil wurde von der islamischen Rechtsprechung auf eine unkorrekte Art und Weise begründet, sodass ein solcher Mord nicht mehr als verboten gilt. Leider widersetzt sich auch das iranische Strafrecht dieser Art von Mord nicht, während der Islam klar unter Beweis stellt, dass die Halal- und Haramhandlungen (d.h. das in islamischer Hinsicht Erlaubte und Verbotene) für Männer und Frauen gleich sind. Das Geschlecht wird in den ursprünglichen, islamischen Gesetzen nicht berücksichtigt. Gemäß der rationalen Vorschrift gibt es keinen Unterschied zwischen einem von einer Frau und einem von einem Mann begangenen Verbrechen. Diese Vorschrift wird vom Islam akzeptiert, wird aber nicht korrekt umgesetzt. Daher gibt es in den muslimischen Gesellschaften eine breitere Palette von Frauen- als von Männerverbrechen.
MR: Was bedeutet der islamische Feminismus für Sie?
SV: Der Feminismus ist eine Bewegung, die auf die Überwindung von Diskriminierungen gegen Frauen und auf den Kampf um die gleichen, grundlegenden Rechte fokussiert. Wenn Sie mich fragen, ob der Islam diese Zielsetzungen des Feminismus verfolgt, dann antworte ich Ihnen, dass ich keinen Widerspruch zwischen den Lehren des Islam und den angeführten Zielsetzungen des Feminismus sehe. Vor 14 Jahrhunderten leitete der Islam wichtige Schritte ein, um die Frauenrechte zu verbessern, und dies in einer Zeit, in der es keine Bewegung für die Gleichberechtigung der Frauenrechte gab. Die islamischen Reformen zu Gunsten der Frauen wurden von den Männern nicht unterstützt, und die Frauen verfügten nicht über die genügenden intellektuellen und praktischen Kompetenzen, um diese Reformen voranzutreiben. Die islamischen Reformen wurden im Verhältnis zu den Kapazitäten jener Gesellschaft umgesetzt. 

Es gibt keine Beweise, dass sich der Islam der Gleichberechtigung von Männern und Frauen widersetzt. Die Diskriminierungen basieren nicht auf dem Islam, sondern kommen von den Menschen. Es obliegt den Menschen, die Diskriminierungen zu überwinden. Die Rechtsprechung ist keine islamische Pflicht. Die traditionelle islamische Rechtsprechung unterstützt diese Gleichberechtigung nicht, daher möchte ich an dieser Stelle den Unterschied zwischen Islam und Rechtsprechung betonen. Was die Rechtsprechung fordert, ist keine islamische Forderung. Denn die traditionelle islamische Rechtsprechung hat keine überzeugenden Gründe, um sich den Diskriminierungen der Frauen zu widersetzen.
MR: Welche sind die wichtigsten Themen, die Sie in Ihrem Buch “Women, Jurisprudence, Islam” behandeln?
SV: In diesem Buch wollte ich auf drei Hauptaspekte der Debatte fokussieren:
-Die Differenzierung zwischen dem wahren Islam und den Vorschriften der Rechtsprechung durch die muslimischen Rechtsgelehrten, die dann in der Geschichte auf den Islam zurückgeführt wurden. Ich bin der Ansicht, dass die Mehrheit dieser Vorschriften nicht auf dem Islam basiert, sondern aus der Tradition stammt.
-Die Erörterung der diskriminierenden Gesetze gegen die Frauen, die auf die islamische Scharia zurückgeführt werden. Ich habe mich den Begründungen widersetzt, die muslimische Rechtsgelehrte angeführt haben, indem sie versuchten zu beweisen, dass diese Gesetze islamische Gesetze sind und daher umgesetzt werden müssen. Sie haben die Diskriminierungen gegen die Frauen theoretisch verankert, indem sie sich auf streitige Begründungen beriefen, die ich in meinem Buch bespreche. Es gelang ihnen, diese Vorschriften den muslimischen Gesellschaften und der muslimischen Kultur aufzudrängen. Dies erfolgte aber nicht, weil diese Begründungen überzeugend sind, sondern weil sich keiner und im Besonderen keine Frau diesen widersetzte und sie in Frage stellte.
-Ich gelange zur Schlussfolgerung, dass alle Gesetze, einschließlich der Gesetze in den Bereichen Familie, Gesellschaft, Zivil- und Strafsachen keine von der Scharia abgeleiteten Gesetze sind. Die Rechtsprechung ist dem Volk überlassen, und jede Gesellschaft orientiert sich nach ihren Anforderungen, Bedingungen und Forderungen im Bereich der Verabschiedung der Gesetze und folgt nicht dem Islam, sondern führt ihre traditionellen Lösungen auf den Islam zurück, auch wenn diese nicht vom Islam stammen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die muslimische Welt eine dringende Scharia-Reform braucht. Dies bedeutet, dass der Bereich der Scharia auf moralische Lehren und Gottesdiensthandlungen beschränkt und die Zivil- und Strafsachen von der Scharia ausgeschlossen werden müssen, vor allem im Iran.
In der Einführung zu meinem Buch heißt es hierzu:



MR: Was bedeutet die Dichtung für Sie? Welche Bedeutung hat sie in Ihrem Leben?
SV: Seit ich die Poesie kennengelernt habe, lebe ich mit der Poesie zusammen. Für mich ist die Poesie wie die Luft zum Atmen und stellt auch die stärkste und kürzeste Sprache dar, um zu protestieren. Die Poesie ist meine Freundin. Sie schenkt mir in meinen schwierigen Lebensmomenten Frieden. Die Poesie war immer schon wichtig für mich, um mich auszudrücken. Ich wurde wegen meiner Poesie verfolgt und bedroht. Dies zeigt, wie wichtig die Poesie in meinem Leben ist.
MR: Welche Reformen sind heute im Iran notwendig, um die muslimischen Frauen zu ihren Rechten zu verschaffen?
SV: Es gibt kurzfristige und langfristige Reformen, die im Iran nötig sind, um die Frauenrechte zu fördern. Mit kurzfristigen Reformen meine ich Gesetzesreformen, wie in den Bereichen des sozialen und Familienrechtes. Um Ihnen einige Beispiele zu nennen: Das Kopftuch ist für die iranischen Frauen verpflichtend. Das Kopftuch als Pflicht ist eine falsche, ungerechte und unethische Vorschrift, die schlechte Auswirkungen auf das Leben der Frauen hat. Der staatliche Eingriff in eine private Angelegenheit wie die Kleidung führt zu zahlreichen Einschränkungen und Schwierigkeiten für die Frauen und hat die soziale und psychologische Sicherheit der Frauen beeinträchtigt; denn diese Vorschrift erlaubt der dafür zuständigen Polizei, unethische und unbegründete Maßnahmen und Aktionen gegen jene Frauen, die sich nicht genau an diese Vorschrift halten, einzuleiten. Aufgrund dieser Vorschrift haben die Frauen im sportlichen Bereich kaum Chancen.

Ein anderes Beispiel eines diskriminierenden Gesetzes ist das, nach dem eine Frau die Erlaubnis ihres Ehemannes braucht, um einen Reisepass zu bekommen. Zahlreiche Männer könnten dieses falsche Gesetz ausnutzen, um Frauen unter Druck zu setzen. Gemäß dem iranischen Familiengesetz, das auf der (sogenannten) Scharia basiert, hat eine Mutter selbst nach dem Tod ihres Ehemanns keinen Rechtsstatus gegenüber ihren Kindern. Ihre Rechte auf die Kinder werden nicht anerkannt, und die Vormundschaft wird auf den Großvater väterlicherseits übertragen. Ich bin der Meinung, dass solche Vorschriften nicht vereinbar sind mit der heutigen Situation der Frauen. Die Frauen haben keine politische Macht. Eine Frau darf nicht Staatspräsidentin werden oder wichtige politische Ämter innehaben. Aber die Verbesserung der Frauenrechte erfordert die Reformierung solcher Gesetze.
In einem langfristigen Reformprozess, ist auch die Reformierung der Verfassung notwendig. Eine andere, dringende Notwendigkeit bezieht sich auf kulturelle Reformen. Ich denke, dass alle falschen Traditionen und Perspektiven in den muslimischen Gesellschaften reformiert werden müssen. Und dies ist im Iran der Fall.  
Um sei es kurz- als auch langfristige Reformen umzusetzen, brauchen die Frauen gesellschaftliche und politische Macht. Sie müssen sich bewusst für die Erlangung ihrer Rechte einsetzen.
MR: Warum ist eine islamische Opposition gegen den Staatsislam so wichtig für den Iran und die muslimische Welt?
SV: Ein islamischer Staat nutzt den Islam als Mittel für jegliche Handlung. Gesetzgebungen, Einschränkungen, politische Richtlinien, Unterdrückungen und alles andere werden dem Islam zugeschrieben. Die Opposition gegen die Gesetzgebungen und politischen Richtlinien wird als Opposition gegen den Islam angesehen und daher bestraft. Die meisten Menschen wissen zu wenig über den Islam. Und dies gibt dem islamischen Staat die Möglichkeit, den Aberglauben im Namen des Islam die Oberhand gewinnen zu lassen, um Menschenrechte und Freiheit zu unterdrücken. Würde man die Menschen darauf ansprechen, damit sie sich dessen bewusst werden, dass diese Aberglauben keine islamischen Lehren sind, dann wäre es leichter, etwas zu ändern. Denn solange die Menschen in der muslimischen Welt glauben, dass alles, was muslimische Geistliche und die muslimische Rechtsprechung behaupten, Teil der islamischen Scharia ist, wird sich der Prozess der Veränderung sehr schwierig gestalten.

Wenn man mit Menschen über ihre religiösen Überzeugungen spricht, um sie abzulehnen oder zu berichtigen, muss man ausreichende Begründungen vorbringen und passende Mittel und die korrekte Ausdrucksweise einsetzen, um auch überzeugend zu sein. Um Ihnen ein Beispiel im Bereich der Frauenrechte zu geben: Über Jahrhunderte behauptet die islamische Rechtsprechung, dass diese diskriminierenden Gesetze auf die islamische Scharia zurückzuführen sind. Täglich lernen Tausende von Schülern in Tausenden islamischen Schulen, dass diese Gesetze Teil der heiligen Scharia sind. Daher ist es so schwierig, sich diesen Vorschriften und Lehren zu widersetzen. Aber wenn man in diesem Bereich etwas erreicht, so ist dies für die gesamte muslimische Welt von Bedeutung. Die muslimischen Gemeinden sind miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Die islamischen Schariagesetze sind in den verschiedenen muslimischen Rechtsschulen und Sekten sehr ähnlich. Im Bereich der Frauenrechte gibt es keine wesentlichen Unterschiede. 
An dieser Stelle möchte ich anführen, dass die Grundlage jeden islamischen Staates (gemäß allen islamischen Gruppierungen) Ausdruck des islamischen Gesetzes ist. Die Mehrheit der Vorschriften der Scharia fokussieren auf Familien- und Strafrecht. Aber ein islamischer Staat mit Berücksichtigung seiner Interessen kann auf die sogenannten islamischen Strafgesetzes wie Steinigung, Auspeitschung und Amputation verzichten, aber wie die Erfahrung zeigt, kann der islamische Staat nicht auf die Familiengesetze verzichten. Der Fokus auf das Familiengesetz innerhalb der Scharia bezweckt die Kontrolle der Frau und die Verankerung der diskriminierenden Rechte der Männer über die Frauen.

Dies bedeutet, dass der Hauptfokus des islamischen Staates darauf gelenkt ist, die traditionelle Position der Frauen beizubehalten, indem sie sich Reformen zu Gunsten der Frauen widersetzt. In der Tat sieht ein islamischer Staat keinen Sinn in der Scharia, wenn Frauen und Männer dieselben Rechte haben. Dies zeigt, wie schwierig und wichtig es ist, in den muslimischen Gesellschaften für die Frauenrechte zu kämpfen, im Besonderen, indem man zeigt, dass der Islam sich niemals der Gleichberechtigung von Mann und Frau widersetzt hat.

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