Nov 15, 2014

ProMosaik e.V. interviewt den Streetworker Hasan Bayraktar von Maviay



Liebe Leserinnen und Leser,

heute möchte ich Ihnen einen Istanbuler Streetworker vorstellen, den ich diese Woche interviewt und gefilmt habe. Es geht um das Tabuthema Alkohol und Drogen, das in den muslimischen Gesellschaften zwar aufgegriffen, aber noch unzureichend aktiv behandelt wird. Ich finde, dass Streetworker einen großartigen Beitrag für die Bekämpfung von Suchtkrankheiten leisten können. Wie Sie sicherlich wissen, gelten Alkohol und Drogen nach dem islamischen Verständnis als von Allah verboten. Daher verheimlichen viele ihre Sucht und werden dadurch in die Isolation getrieben. Die Initiative des ex-Alkoholikers, Herrn Hasan Bayraktar vom Verein Mavi Ay (zu Deutsch: blauer Mond), finde ich gerade deshalb mutig, weil es der 56jährige einfach wagt, mit seinem Quad auf die Straßen von Istanbul Balat zu fahren und mit einem Lautsprecher vor allem die Jugend auffordert, Alkohol und Sucht vorzubeugen. 



Er ist der Meinung, dass die Arbeit zwecks „Widerstand“ (wie er ihn nennt) gegen die Suchtkrankheiten seinen wahren Zweck erfüllt, wenn man Vorbeugungsarbeit für Jugendliche unter 15 und auch Kinder leistet. Und dies macht er tagtäglich, indem er in den Straßen von Istanbul Balat Menschen anspricht. 



Wir freuen uns sehr auf Ihr Feedback zum folgenden Interview.
Danke Ihnen allen
Aygun Uzunlar – Koordinator von ProMosaik e.V. Türkei

Aygun Uzunlar:
Warum sind Sie der Ansicht, dass der Streetworker die Jugendlichen am besten erreichen kann, wenn es um die Bekämpfung von Suchtkrankheiten geht?

Hasan Bayraktar:
Ich möchte direkt auf der Straße, am Ort des Geschehens, die Menschen erreichen. Ich bin der Meinung, dass dies am besten ist, um vor allem mit der Jugend in Kontakt zu treten. Ich kann nicht einfach im Verein rumsitzen und warten, bis die Leute bei mir vorbeikommen, denn das werden sie nicht machen. Ich warte zum Beispiel vor den Spielhallen, wo manchmal auch Jugendliche hineingelassen werden und ich werfe ein Auge drauf, ob ein Kind für seinen Vater eine Zigarettenschachtel kaufen soll. Ich fühle mich wohl auf der Straße, denn ich denke, dass die Straße geeignete Pflaster für die Bekämpfung der Suchtkrankheiten ist.

Aygun Uzunlar:
Wie wird Ihre Tätigkeit von den Leuten gesehen und wie verändert sich die Haltung der Gesellschaft gegenüber Ihrer Arbeit?

Hasan Bayraktar:
Die meisten Leute in der Gesellschaft sind so ziemlich skeptisch, wenn sie meine Arbeit sehen. Sie verstehen nicht, warum ich fremden Kindern und Jugendlichen helfe, ohne finanzielle Interesse zu vertreten. Das ist für viele einfach unerklärbar. Der Begriff der freiwilligen Arbeit ist für viele einfach nicht verständlich. Die Ladenbesitzer fühlen sich auch gestört, wenn ich mit meinem Quad komme und mit dem Lautsprecher Parolen gegen die Sucht ausspreche, da sie diese Produkte ja verkaufen und daran verdienen. Es gibt nämlich auch in Istanbul Balat verschiedene Alkoholläden mit den verschiedensten alkoholischen Getränken. Mittlerweile werde ich aber geduldet und finde auch manche Menschen, die meine Arbeit schätzen.

Aygun Uzunlar:
Welche Hauptziele verfolgen Sie mit Ihrer Tätigkeit?

Hasan Bayraktar:
Ich war in der Vergangenheit Mitglied beim türkischen Trägerverein für Suchtkrankheiten „Yeşil Ay“ (zu Deutsch: der Grüne Mond), der sich in der Türkei für die Menschen einsetzen, die unter verschiedenen Suchtkrankheiten leiden. Als ich aber mit meiner Tätigkeit als Streetworker anfing, habe ich mir meinen eigenen Verein mit meinen eigenen Mitgliedern und Unterstützern aufgebaut. Das Hauptziel, das ich mit meiner Arbeit verfolge, ist, so vielen Menschen wie möglich in Istanbul Balat zu helfen, um aus der Spirale der Sucht zu kommen. Als langfristiges Ziel strebe ich die Gründung verschiedener Stadtteilvereine von „Mavi Ay“ in Istanbul an, um auch in anderen Stadtteilen vertreten zu sein und effektive Suchtbekämpfungsarbeit zu leisten.   

Aygun Uzunlar:
Welche sind die wichtigsten Suchtkrankheiten in Ihrem Viertel Balat in Istanbul?

Hasan Bayraktar:
Die auffälligste Form der Sucht in Istanbul Balat ist sicherlich das Rauchen. Es folgt der Alkohol, der in einigen Lokalen angeboten wird. Viele Menschen hier trinken auch zu Hause. Auf den Straßen von Balat gibt es auch junge Drogendealer, die schon Kinder ansprechen, um ihnen Drogen wie Bonzai (auch Bonsai geschrieben) anzubieten. Sie sehen sehr nett und fürsorglich aus, was noch Besorgnis erregender ist. Hier finden Sie Infos zu dieser gefährlichen Droge:
Natürlich tut die Polizei ihr Bestes und bemüht sich darum, die Drogendealer zu stoppen und das Phänomen einzugrenzen, was auch größtenteils gelungen ist. 

Aygun Uzunlar: Denken Sie, dass auch die Religion dazu beitragen kann, die Suchtkrankheiten zu bekämpfen?

Hasan Bayraktar:
Die Vertreter der Religionen, die in Balat vertreten sind (Juden, Christen und Muslime) müssen sich gemeinsam auf den Straßen dafür einsetzen, dass Drogen keine Alternative mehr für Kinder und Jugendliche darstellen. Es gibt in Balat sehr viele christliche Kirchen, 3 Synagogen und verschiedene Moscheen. Die Vertreter der einzelnen Religionsgemeinschaften müssen ihre Arbeit nicht auf die Liturgie beschränken, sondern Menschen aktiv involvieren, damit sie von Alkohol und Drogen fernbleiben.

Aygun Uzunlar:
Wie wichtig ist die Vernetzung in der Streetworker-Arbeit für Sie und warum?

Hasan Bayraktar:
Streetworker sollten zusammenarbeiten und ihre Ideen untereinander austauschen. Leider habe ich in Istanbul noch zu wenig Erfahrung mit einem positiven Konzept der Vernetzung gemacht. Dies muss aber dringend erfolgen.

Aygun Uzunlar:
Ich habe von Bekannten gehört, dass Sie das Gericht „Sigara Börek“ umbenennen möchten. Sigara Börek findet sich in den deutschen Supermarktregalen und ist nach der Zigarette benannt, weil es eine ähnliche Form aufweist. 



Können Sie unseren Leserinnen und Lesern in Deutschland berichten, warum Sie den Sigara Börek auf Kalem Börek umbenennen möchten?

Hasan Bayraktar:
Ich bin die Bezeichnung einfach unglücklich, denn ein so gutes Teiggericht, das der türkischen Tradition angehört und von Kindern so gerne gegessen wird, sollte wohl nicht nach einem Suchtmittel heißen. Wenn ich Sigara Börek sage, zeige ich indirekt einfach auf, wie toll die Zigaretten sind und muntere die Leute geradezu auf, sich mal eine Zigarette anzuzünden. Da die Forma dieses Gerichtes auf der Form eines Stiftes entspricht, schlage ich vor den Begriff in der gesamten Türkei auf „Kalem Börek“ zu ändern. Wer eine bessere Idee hat, kann sich gerne bei mir melden.


Anbei finden Sie den Link zum Video von uns, um sich ein Bild zu machen, wie dieser mutige Streetworker seinen Tag verbringt:


http://youtu.be/co4q9bYMN6M



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