Oct 9, 2014

Das Interview von ProMosaik e.V. mit Olivier Turquet non auch in deutscher Übersetzung

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns, das Interview mit Olivier Turquet des Presseportals Pressenza und des Verlags für Menschenrechte multimage auch in deutscher Übersetzung vorstellen zu dürfen.

Gegenüber ProMosaik e.V. spricht Olivier Turquet zahlreiche Themen, u.a. Pazifismus, Humanismus und interkulturellen und interreligiösen Dialog an. Er sieht sich als einen "Schriftsteller der Realität" und als einen Motor der Veränderung. Denn die Welt muss verändert werden.

Dieser Meinung sind wir von ProMosaik e.V. auch.

Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften zum Interview an info@promosaik.com

dankend

Dr. phil. Milena Rampoldi
Redaktion von ProMosaik e.V.




ProMosaik e.V.: Lieber Olivier, du sprichst von dir als einem Menschen, der seit 40 Jahren die Realität erzählt. Welche Prinzipien hast du im Sinne, wenn du über die Realität schreibst und welche Zielsetzungen verfolgst du?

Olivier Turquet: mehr als 40 Jahren bin ich der Überzeugung, dass die Welt verändert werden muss. Einige meiner Generation haben ihre Meinung geändert und denken, dass man jetzt nichts mehr tun kann. Ich bin aber nicht der Meinung: das ist mein erstes Prinzip: ich glaube an die Veränderung und suche nach der Veränderung; ich erzähle die Veränderung. Im Laufe meiner persönlichen Geschichte habe ich mich oft nach den Prinzipien gefragt; am Ende aber bin ich zum Schluss gekommen, dass das wichtigste Prinzip und die goldene Regel, von der alle anderen Prinzipien abgeleitet werden, wie folgt lautet: „Behandle die anderen genauso, wie du behandelt werden möchtest”. Aus diesem Prinzip lässt sich ein Journalismus ableiten, der die Protagonisten der Nachricht respektiert, die sehr oft nicht die typischen „Mainframe“-Persönlichkeiten sind, sondern ganz normale Menschen wie du und ich, die sich für die authentische Veränderung ihrer selbst und der anderen einsetzen; und die es inmitten der Menschen tun, ohne Eklat und ohne Pauken und Trompeten.



ProMosaik e.V.: Welche ideologischen Etappen hast du während deiner Arbeit als „Schriftsteller der Realität“ durchlaufen?

Olivier Turquet: Ich habe eine anarchistische Bildung durchlaufen. Ich weiß, dass die Anarchisten manchmal einen schlechten Ruf haben. Das ist auf eine geschichtliche Epoche zurückzuführen, in der so jemand glaubte, es wäre eine gute Idee, ein paar Bomben auf die Mächtigen abzuwerfen. In Wirklichkeit ist der Anarchismus aber eine Ideologie ohne Gewalt und im Allgemeinen freiheitlich und meiner Meinung nach auch in seinem Wesen humanistisch. Meine Familie hatte dann auch eine sozialistische Ausrichtung. Auch der Sozialismus wurde gewalttätig und autoritär ausgelegt. So habe ich mich für den universalen Humanismus von Silo entschieden, der den freiheitlichen Aspekt mit der Liebe für das Soziale und einer starken gewaltfreien Mystik verbindet: dies hilft mir, einen Blick auf die Realität zu gewinnen, der für mich dann als Grundlage meines Schreibens dient.

ProMosaik e.V.: Was verändert sich in der pazifistischen Bewegung mit den neuen Typen von Kriegen, die sich heute in so vielen Regionen der Welt wiederfinden?

Olivier Turquet: Hinsichtlich des Wesentlichen verändert sich nichts: der Krieg ist nie eine Lösung. Aber andererseits muss der Pazifismus auch ausdrücklich gewaltfrei werden und in einigen seiner Komponenten die Idee des „gerechten” oder „notwendigen Krieges” aufgeben. Der Krieg ist immer eine Connerie, wie es ein Dichter so schön formulierte.

ProMosaik e.V.: Welche Beziehung siehst du zwischen Pazifismus und Anti-Imperialismus?

Olivier Turquet: Es handelt sich hierbei um zwei verschiedene Richtungen, die sich dann und wann überlappen; für den Anti-Imperialismus gilt dasselbe wie für den Pazifismus: er muss eine Alternative ausarbeiten. Die universelle Menschheit ist die Antwort auf den Imperialismus.

ProMosaik e.V.: Wie glaubst du, dass der interkulturelle Diskurs zum Aufbau einer Welt im Sinne des Friedens beitragen kann?

Olivier Turquet: Der interkulturelle Diskurs und die Anerkennung der persönlichen und sozialen Unterschiede gelten als Grundlage dieser universellen Menschheit, von der ich dir vorher erzählt habe; natürlich ist diese Welt eine Stadt des Friedens, die geheime verborgene Stadt vieler Mythen und Allegorien. Man muss an dieser Anerkennung des Anderen hart arbeiten; „Es gibt mich nur, weil es dich gibt; und alles andere ist Quatsch”, legt Silo seinen Protagonisten der Veränderungen in der wundervollen Erzählung „Der Tag des geflügelten Löwen” in den Mund: das ist ein Beispiel, in dem die Literatur viel mehr zu sagen hat als die ideologischen Traktate.  

ProMosaik e.V.: Wie glaubst du, dass der interreligiöse Diskurs zum Frieden beitragen kann?

Olivier Turquet: Der interreligiöse Diskurs weist zwei Aspekte auf: den institutionellen, der voller schöner Worte ist, dem aber die Taten fehlen, und der zwischen den Gläubigen (und den Atheisten, die oft große Mystiker sind), die im guten Glauben meinen, sie könnten die frohe Botschaft übermitteln. Mich interessiert der zweite Diskurs der einfachen Leute, die nach ihrer Sensibilität und Kultur, die Präsenz des Göttlichen in ihnen bezeugen. Und sie tun es mit der größten Liebe und Barmherzigkeit. Und nie mit Gewalt und Fanatismus. Das ist ein großer Beitrag zum Frieden. 



ProMosaik e.V.: Was bedeutet für dich Humanismus?

Olivier Turquet: Humanismus bedeutet, den Menschen als Hauptwert und –aufgabe zu sehen. Humanismus bedeutet, das Menschliche in allen Menschen zu verspüren, die mir begegnen und die Zeichen der Heiligkeit, Veränderung, des Neuen in ihnen zu suchen. Denn diese Zeichen finden sich jenseits aller Kleinigkeiten in dieser dekadenten Epoche.

ProMosaik e.V.: Welche sind die Hauptziele des Presseportals Pressenza?

Olivier Turquet: Pressenza arbeitet, um diese neue Welt zu erzählen, die ihren Weg findet, um Trost zu spenden, zu informieren und die „Tücken“ dieses Systems zu entpuppen. Pressenza macht dies dank eines wundervollen und unbezahlbaren Netzwerks von Mitarbeitern (die alle freiwillig arbeiten). Jeder kann mitarbeiten, denn es gibt so viel zu tun, und man versucht, im Kreis mit viel Austausch und Reziprozität zu arbeiten. Es ist ein schöner Arbeitsbereich. 



ProMosaik e.V.: Welche Zielsetzungen verfolgst du mit dem Verlag multimage für die Menschenrechte?

Olivier Turquet: Die Menschenrechte finden nicht einmal ihren Platz im Regal einer Bücherei. Du suchst die Bücher von Amnesty und weißt gar nicht, wohin sie diese verlegt haben… etwa unter „Politik“ oder unter „Philosophie“? Die Menschenrechte werden dann auch zu Instrumenten der Manipulation. Man führt Kriege im Namen der Menschenrechte. Die Menschenrechte besitzen nicht die Gültigkeit, die ihnen zusteht; nicht einmal die Menschenrechte der Erklärung, die ihre epochalen und kulturellen Einschränkungen aufweisen. Daraus kannst du entnehmen, dass wir eine Verlagsanstalt für  Menschenrechte brauchen.. und genau deswegen haben wir sie vor ungefähr zwanzig Jahren auch gegründet; und wir sind immer noch da… was wiederum heißt, dass wir irgendeinen Zweck wohl erfüllen müssen. 



ProMosaik e.V.: Was möchtest du den Kindern in Gaza sagen?

Olivier Turquet: Ich habe den Kindern in Gaza nichts anderes zu sagen als das, was ich meinem Sohn und jedem anderen Kind auf dieser Welt sagen würde: die Kinder sind die ersten, die das Recht darauf haben, in Frieden zu leben und aufzuwachsen, und dies unabhängig davon, wo sie leben, unabhängig von ihrer Hautfarbe, der kulturellen Umgebung, in der sie leben, usw.
Mein Einsatz für den Frieden und die gewaltfreie Aktion ist mein Engagement, damit die Kinder überall auf dieser Welt nicht mehr unter den Bomben getötet werden, verhungern, an leicht heilbaren Krankheiten sterben und ohne Perspektiven und ohne Zukunft leben müssen. Ich rufe alle Menschen guten Willens auf, dieses Engagement Tag für Tag so gut wie möglich umzusetzen und dabei der Stimme des Gewissens zu folgen. Und wenn es noch eines dieser leidenden Kinder gibt, so ist das ein Schrei zum Himmel.



ProMosaik e.V.: Welchen Bezug gibt es deines Erachtens zwischen Krieg und Kapitalismus?

Olivier Turquet: Die Waffen werden hergestellt, um verkauft zu werden. Man verkauft Waffen, um sich zu bereichern. Der Kapitalismus muss mal ethisch hinterfragt werden; aber man stellt sich oft Fragen zum Thema des Finanzwesens. Das ist eine mechanische Tendenz. Aber es treten Menschen hervor, die Kapital verschieben und dies ethisch tun. Diese bezeugen konkret, dass es einen anderen möglichen und begehbaren Weg gibt. Wir hoffen, dass diese Verwandlung schnell und friedlich erfolgen wird. Ich denke, dass diese Änderung des Gesichtspunkts dazu beitragen wird, die Waffenfabriken aus der Welt zu schaffen oder nummerisch drastisch zu reduzieren. Und das ist gar nicht so utopisch: die Ethik hat über die Minen gesiegt, und am Ende hat es gar nicht mehr so viel gebraucht, um diese aus der Welt zu schaffen, auch wenn der Prozess noch nicht ganz abgeschlossen ist.  


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